Kritik und Argumente

Es geht hier nicht darum, im Detail Kritik am „Siegerentwurf“ zu üben. Es geht also nicht um die Frage, ob die Verlegung der Rosengartenstraße „mutig“ oder eher blödsinnig ist, nicht um die überhaupt nicht erörterte Frage der Zugangswege (die existierenden Straßen sind für den zu erwartenden zusätzlichen Verkehr nicht ausgerüstet), nicht um die Frage, ob für den Friedhof (und übrigens auch die Kelter) genügend Parkplätze vorhanden sind, nicht darum, ob die Klotzbauten am Rande des Friedhofs mit der Würde dieses Ortes überhaupt vereinbar sind, nicht darum, ob Spielplätze in genügender Größe vorhanden sind und dergleichen mehr. Das sind alles sehr berechtigte und zum Teil auch gravierende Gesichtspunkte. Sie stehen hier aber nicht im Mittelpunkt.

Hier steht die Frage im Mittelpunkt: Was frommt Entringen und warum? Dazu müssen wir kurz den Blick auf den Charakter Ammerbuchs und seine Rolle in der Region lenken.

Hilfreich ist uns dabei das „Gesamtörtliche Entwicklungskonzept mit Beteiligung der Bürgerschaft Gemeinde Ammerbuch„. Demzufolge ist Ammerbuch „ein Kleinzentrum in der Region Neckar-Alb“. Für ein Kleinzentrum gelten, wie man an der Diskussion um die „Spätzles-Mall“ in Pfäffingen sehen kann, verschiedene unterschiedlich verbindliche Richtlinien: So darf der abgebrannte AWG-Markt dort nicht wieder aufgebaut werden – gehört nicht in ein Kleinzentrum!

Im Bild sieht man Tübingen als Oberzentrum, Herrenberg und Rottenburg sind Mittelzentren. Von größtem Interesse sind die Bedarfsrechnungen dieses Entwicklungskonzepts. Demzufolge besteht bis 2030 ein Gesamtbedarf von „ca. 235 Wohneinheiten“: „Pro Jahr müssen demnach 14 Wohneinheiten geschaffen werden. Dieser rechnerische Wert unterschreitet die Zahl der Baufertigstellungen der letzten Jahre, die im Schnitt der letzten 10 Jahre bei 35 Wohneinheiten pro Jahr lagen“. Das ist zunächst nicht sonderlich viel und mag vielleicht der Entwicklung etwas hinterherhinken, aber es ist ein handfester Indikator für die Größenordnung, in der Ammerbuch Wohnungsneubau betreiben muss. Und deshalb wird es schwer zu erklären sein, weshalb man innerhalb weniger Jahre 114 Wohneinheiten (lt. dem sog. „Siegerentwurf“) auf 1,5 ha unterbringen müsste. Das geht größenordnungsmäßig am Entringer Bedarf komplett vorbei.

Was die Bevölkerungsentwicklung angeht, so ist sie für die einzelnen Teilorte unterschiedlich, aber gewiss nicht so, dass hektisches Handeln erforderlich wäre: „Im Mittel der vergangenen zwei Jahrzehnte gewann Ammerbuch jährlich 8 Personen durch Wanderungsbewegungen hinzu“, heißt es auf S. 16 des Gesamtörtlichen Entwicklungskonzepts. Dabei wird Ammerbuch insbesondere „von jungen Familien als Wohnstandort“ präferiert. Das statistische Landesamt Baden-Württemberg rechnet in seiner Bevölkerungsvorausrechnung bis 2030 mit folgendem:

„Danach wird für die Gemeinde Ammerbuch unter der Voraussetzung leichter Wanderungsgewinne zunächst eine Fortsetzung des in den vergangenen drei Jahren zu beobachtenden Wachstumstrends erwartet, der ab 2020 leicht sinkt. Ohne Wanderungsgewinne würde die Einwohnerzahl aufgrund steigender Sterbefälle ebenfalls ab 2020 sinken und bis 2030 um rund 112 Einwohner zurückgehen“. (S. 17)

Wer das alles für Larifari hält, der könnte ja vielleicht den Sozialbericht des Landkreises Tübingen einsehen, über den das Tagblatt am 25. März berichtete und der auf der Webseite des Landratsamtes abgerufen werden kann: „Im Landkreis Tübingen kann im Jahr 2025 mit einer Bevölkerungszahl von 228.817 Personen und im Jahr 2035 von 229.288 Personen gerechnet werden. Dies macht für den Landkreis bis zum Jahr 2035 insgesamt einen Zuwachs um 2% aus“ (S. 17). Und da soll es nun Sinn machen, innerhalb weniger Jahre die Bevölkerung Entringens auf möglichst kleinem Gebiet um über 8% zu vermehren? Welcher Wahn obwaltet hier? Zurück zum Gemeindeentwicklungskonzept:

Bei der Wohnungsbedarfsprognose 2030 ergibt sich für die Gemeinde Ammerbuch eine „Wohneinheitendichte (WE / ha)“ von 15, wovon die Gemeinde auch selber ausgeht (GEK S. 21). Auf die 1,5 Hektar des „Schlossblicks“ sollen aber 114 Wohneinheiten passen! Nach der Prognose besteht bis 2030 inklusive der Wanderungsgewinne „ein Gesamtbedarf von ca. 235 Wohneinheiten“. Dabei ist es so, dass dieser Wert „die Zahl der Baufertigstellungen der letzten Jahre, die im Schnitt der letzten 10 Jahre bei 35 Wohneinheiten pro Jahr lagen“, unterschreitet.

Man mag nun von Statistiken und Prognosen halten, was man will: aber sie sind immer noch ein entschieden rationalerer, verlässlicherer und sinnvollerer Planungsmaßstab als mit Zahlen nicht unterlegbare Gefühlswallungen, die eine Wohnungsnot apokalyptischen Ausmaßes heraufziehen sehen oder jetzt schon als gegeben betrachten.

Jedenfalls bieten die verfügbaren Parameter überhaupt keinen Grund, den „Schlossblick“ als Menschenpferch zu konzipieren. Ausbau mit Maß und Ziel! Die Infrastruktur Entringens wächst durch ca. 300 zugezogene Schlossblickinsassen keinen Millimeter. Kein einziger Arbeitsplatz wird geschaffen, Entringen wird noch mehr zu einem „Schlafdorf“. Ist das erstrebenswert? Gewiss nicht: erstrebenswert wären arbeitsplatznahe Wohneinheiten, ein Anwachsen von Pendlerströmen ist es nicht. Und was sieht man? Tübingen will durch Cyber-Valley u. ä. über ein- bis zweitausend Arbeitsplätze schaffen, erschließt aber keine neuen Baugebiete in ausreichendem Maß (z.B. Saiben, vgl. zuletzt Leserbrief im ST vom 17. Mai, Michael Löffler oder die Tagblatt-Umfrage bei den Parteien, erschienen am Samstag, 18. Mai, bei der fast alle eine zügige Erschließung des Saiben fordern, ebenfalls Leserbrief vom 22. Mai [Michael Löffler]. Ich verfolge das jetzt nicht weiter, der Fall ist so weit klar.), sondern wählt den Weg einer langwierigen Innenraumverdichtung. Damit wird Siedlungsdruck unmittelbar an das Umland weitergegeben. Aber Entringen ist nicht dazu da, die Folgen solcher Politik aufzufangen!

Der (verbindliche) Regionalplan Neckar-Alb sieht „bei der Bemessung des Wohnbauflächenbedarfs im Rahmen der Flächennutzungsplanung in den Städten und Gemeinden in der Randzone um den Verdichtungsraum als Mindestwerte“ vor:
Mittelzentrum 80 Ew/ha
Unterzentrum 70 Ew/ha
Kleinzentrum 60 Ew/ha„. Auch der Plan für die Region Stuttgart, in deren Randzone sich Ammerbuch befindet, weist diese Größenordnung aus.

Selbst wenn man im Schlossblick die Werte verdoppelt, wäre man noch lange nicht da, wo Kreisbaugesellschaft mbH und in ihrem Schlepptau die Gemeindeverwaltung hin wollen. Wir hätten dann gut 180 Bewohner, aber eben nicht ca. 300, die allenfalls einem Oberzentrum zumutbar wären. Man sieht: Die Verdichtung ist maßlos und widerspricht allen maßgeblichen Regionalplänen und außerdem jedem gesunden Menschenverstand: Ein Rauchopfer auf dem Altar der finanziellen Interessen der Kreisbau GmbH, weil deren viergeschossige Kloben sich ohne Drei- und Vierspänner „finanziell nicht darstellen lassen“ (Scheinhardt in der GR-Sitzung vom 08. 04). Es kann aber nicht im Interesse einer gedeihlichen Entwicklung Entringens liegen, dass die Pläne der Kreisbau GmbH sich finanziell rechnen.

Woanders scheint es ja auch besser zu klappen: in Bühl, immerhin zum Oberzentrum Tübingen gehörig, plant man auf 1,75 ha Bauland 80 Wohneinheiten, darunter zwei Gebäude mit drei Stockwerken, in denen eine Pflegewohngemeinschaft mit Tagespflege zu finden ist. Alles in allem sollen ca. 200 Menschen dort Platz finden. (Schwäbisches Tagblatt vom 12. April, im übrigen siehe Tübingen, Baugebiete in Ortsteilen). Vorgesehen sind Kettenhäuser, Doppelhäuser, Einfamilienhäuser, Reihenhäuser und Mehrfamilienhäuser. Das ist auch ganz schön dicht, aber doch wesentlich humaner als der Entringer Plan. Zudem: „Ein Drittel des Wohnraums wird mietpreisgebunden sein“ (und nicht nur ein Viertel [10-12]; von einer segensreichen Tätigkeit der Kreisbau liest man übrigens nichts).

Wieso kann Tübingen, was Entringen offenbar nicht kann oder will? In Tübingen-Pfrondorf ist die Stadt dabei, das Baugebiet „Weiher“ zu erschließen (2019-2022). Die Bebauung ist ganz analog zu dem, was auch in Entringen vorgesehen ist: “ eine Mischung
aus verschiedenen Gebäudetypen wie Einfamilienhäuser, Kettenhäuser, Doppelhäuser, Reihenhäuser und Mehrfamilienhäuser“. Auf ca. 5 Hektar sollen ca. 500 Menschen unterkommen. Und das immerhin im Dunstkreis eines Oberzentrums! Für den „Schlossblick“ würde dieselbe Dichte ca. 150 Menschen bedeuten – und nicht 300! Am 15. Juli stand ein entsprechender Artikel im Tagblatt, dessen Lektüre für die Beurteilung des „Schlossblicks“ hilfreich ist. Allmählich könnte es doch auch den Oberverdichtern dämmern, dass das, was in Entringen vorgesehen ist, das Maß des Erträglichen überschreitet!

Auch in Oberndorf (gehört zum Mittelzentrum Rottenburg) geht es auf dem Baugebiet „Engwiesen II“ entschieden humaner zu (das Tagblatt berichtete unlängst, Beschlussvorlage Nr. 2019/086 im Rottenburger Gemeinderat vom 12. 03. 2019): Dort kennt man den Regionalplan und nimmt ihn als Orientierungshilfe, denn die Bruttowohndichte erreicht im Plangebiet in der Maximalvariante 86 und im Mittelwert 65 Einwohner pro Hektar. Das gilt nach wir vor, obwohl das Tagblatt am 28. November in der RoPo die Headline brachte: „BAUGEBIET WIRD DICHTER GEPLANT ALS ANFANGS GEDACHT“. Wer sich zur Beruhigung die Vorlage für den Rottenburger Gemeinderat ansehen möchte, der kann sich die Sitzungsunterlagen hier herunterladen. Wem das zu mühsam ist, der kann sich die besonders wichtige Begründung auch hier zu Gemüte führen. Man kommt auf eine Dichte von 61 EW/ha. Also alles gut in Oberndorf, aber nicht hier: Entringen will sich mehr als das Dreifache leisten! Mal ganz zu schweigen von dem Luxus, den sich Neustetten genehmigt (Baugebiet „Ergenzinger Straße Süd“ [hier zum Download]): 55 Einwohner / ha, und man schreibt hinzu: Einwohnerdichte nach Vorgabe Regionalplan!
Nicht viel anders verhält es sich mit dem Baugebiet „Ergenzinger Str. Nord“: Dichte hier zwischen 58 und 61 Einwohner / Hektar. (Download)
Höchst interessant ist auch das Baugebiet „Untere Wiesen“ in Rottenburg-Baisingen. Dort entstehen 27 Bauplätze mit durchschnittlich 470 qm Größe. Baisingen ist der erste Rottenburger Ortsteil, „der ein Baugebiet nach den Richtlinien des Baulandprogrammes 2025 bekommt“ (ST vom 11. Juli 2019, Näheres unter Bebauungspläne Baisingen). Wendet man die Baisinger Größenordnung auf die 1, 5 ha „Schlossblick“ um, dann käme man auf ca. 32 Bauplätze! Das ist für Entringen vielleicht nicht ganz realistisch, aber es zeigt einmal mehr, welch abartiger Verdichtungswahn hier waltet.

Pech hingegen hatte Kusterdingen: Hier musste sich die Gemeinde gegen ein Maß der Verdichtung wehren, „die der Gemeinderat künftig verhindern will“ (Bürgermeister Dr. Soltau ). Die Gemeinde selber geht bei dem Baugebiet „Südlich der Waldstr.“ von folgenden Werten aus:

Auch hier liegen die Entringer Werte weit darüber. Jüngstes Beispiel Pliezhausen (Tagblatt 9. Mai, Kreis und Nachbarschaft): 2,9 Hektar im Gewann Steig in Rübgarten. Wieder ist das Gesamtprojekt mit dem Entringens vergleichbar: „Man wolle Baudichten und Haustypen variieren, damit man auf die vom Regionalplan angepeilten 70 Einwohner pro Hektar komme, aber durchaus mit Freiraum. Motto: ‚Innen dicht, außen locker‘. Reihen- und Doppelhäuser sollen entstehen. Es könnten sich auch Baugruppen gründen, die altersgerechte und kleinere Wohnungen für Senioren anbieten, die dann wiederum große Wohnungen freimachen könnten“. Die Realisierung des Projekts fällt in den Zeitraum 2022-2024, die neuesten offiziellen Informationen finden Sie hier.

Aber lassen wir’s gut sein: Man muss wohl sehr lange suchen, um einen von einem derartigen Verdichtungswahn geprägten Plan wie den für Entringens „Schlossblick“ aufzutreiben. Wie’s anders und besser geht, dafür findet man Beispiele ziemlich leicht und keinesfalls wenige! Und man fragt sich verzweifelt: Warum wird in Entringen derart gesponnen? Warum wird der Friede im Dorf einem Verdichtungswahn geopfert, der seines gleichen sucht?

Was folgt aus alledem?

Diese Konzentration von möglichst vielen Menschen auf möglichst geringem Raum ist weder „urbanes Wohnen“ noch ein Qualitätskriterium. Im Gegenteil: Qualitätskriterium muss die Akzeptanz durch die Bevölkerung sein. Deshalb muss der Konzentrationswahn vom Tisch, die viergeschossigen Vielspänner der Kreisbau GmbH müssen weg und durch verträgliche Bauten ersetzt werden! Lasst uns über vernünftige Werte reden, die Zeit dafür ist jetzt!

Dabei steht zu hoffen, dass die Versprechungen vom 8. April gelten: man wolle nichts gegen die Bürger unternehmen. Es sei nichts „in Stein gemeißelt“. Nur so kann eine offene Diskussion stattfinden.